19. Mai 2026

Management auf den Punkt gebracht!

(Perpetuum) Mobile

Hört auf mit dem Jammern!

GLOSSE: Europa ächzt unter der bürokratischen Regulierung. Allen Orten hört man die Parole: Weg damit! Macht es schlanker und digitaler. Dann wird es besser. Dann gibt es wieder Wirtschaftswachstum. Und es geht uns wieder gut …

Natürlich ist diese Argumentation stark einseitig. Sollte Anarchie die bessere Regierungsform sein? Die Gründerväter anarchistischen Denkens würden sich vermutlich im Grabe umdrehen. Sie fühlten sich zurecht missverstanden. Läuft die Parole eher auf einen Liberalismus hinaus? Auch dessen Vordenker würden schnell abwinken. Letztlich drohen wir mit solchen plumpen Parolen in Verhältnisse abzurutschen, in denen vor allem das Recht des Stärkeren gilt. Wollen wir das?


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Bürokratische Regulierung hat schließlich Vorteile. Sie schützt die Schwachen, weil sie für Regelhaftigkeit und politisch gewollte und definierte „Gerechtigkeit“ (Päpstlicher als der Papst) sorgt. Ins selbe Horn stoßen die Autor*innen (Regulierung als Chance) und bringen weitere, interessante Argumente ins Spiel. „Während Regulierung häufig als bürokratische Last wahrgenommen wird, kann sie zugleich als Katalysator für Innovation und organisationales Lernen wirken.“ Wie das?

Win-Win-Win

Regulierung „zwingt Organisationen, Nachhaltigkeit und Digitalisierung strategisch zu verknüpfen und datenbasierte Steuerungssysteme aufzubauen, welche ökologische, soziale und ökonomische Wirkungen erfassen.“ Wow, das klingt nach Win-Win-Win. Die Autorengruppe nennt es Triple Transformation. Die „Schrecken“ Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) und der EU AI Act seien folglich nicht Teufelswerk, geschaffen, um die Unternehmen zu knebeln und zu knechten. Sie böten vielmehr eine große Chance. Die man nur ergreifen müsste.

Na, das ist doch mal eine Ansage! Um die CSRD ist es hierzulande sehr ruhig geworden, nachdem der US-Imperator solches Gedankengut schnellstens in die berühmte Tonne treten ließ. Doch muss man der Fairness halber erwähnen: Gewollt hat die Direktive hierzulande offensichtlich auch keiner so richtig (Wer hat Angst vor ESG?). Auch der EU AI Act wurde nicht mit Standing Ovations gefeiert. Das Feedback war ambivalent: Schutz? Ja, sicher. Regulierung? Nein, das bremst doch unsere IT-Industrie aus. So kann man oft die typische Doppelmoral beobachten: Nach außen verkündet man Gesetzestreue, nach innen drückt man die Augen zu – und lässt die unter Produktivitätsdruck stehenden Mitarbeitenden unterm Tisch (oftmals dilettantisch) mit KI rumbasteln.

Always look at the bright side of life

Jetzt also der geniale Clou: Leute, schaut mal auf die Chancen statt auf die Risiken! Die Botschaft: „Beide Regulierungsstränge zielen darauf ab, Vertrauen in datenbasierte Systeme zu schaffen und die gesellschaftliche Verantwortung in der digitalen Transformation zu verankern.“ Unmittelbar fühle ich mich energetisiert! Denn eigentlich geht es um Strategie – es hat bloß noch niemand gemerkt: Vertrauen und Verantwortung sind doch Zwillinge.

Und jetzt kommt ein genialer Kunstgriff zum Zuge: „Regulierung wirkt damit als Katalysator einer Unternehmenskultur, die auf Transparenz, Verantwortlichkeit und Lernen basiert.“ Unternehmenskultur ist die Geheimwaffe. Sie verwandelt das dunkle Regulierungsszenario in ein strahlendes Innovationshappening. CSRD verlangt einen „Dialog mit Investoren und weiteren Stakeholdern“. Aber auch die interne Vernetzung ist nötig. Silos müssen aufgebrochen werden. Das braucht „Partizipation, Transparenz und Ownership.“ Yes! Das klingt gut: Hosen runter! So entstehen „auch technologisch (…) neue Gestaltungsräume“. Und Führung ist gefragt. Der kulturelle Wandel, der hier erforderlich ist, verlangt, dass neue Werte glaubwürdig vorgelebt und Lernräume eröffnet werden. Sozusagen: Per aspera ad astra!

Offen bleibt, woher diese neue Kultur kommen soll. Es drängt sich der Eindruck auf, sie entsteht automatisch im Tun. Hört her, ihr Change-Manager, „die ihr mühselig und beladen seid“ (Mt. 11,28), setzt die Lieferketten unter Strom … Regulierung fördert „ein ganzheitliches Verständnis von Wertschöpfung, das die ökonomische Leistungsfähigkeit, die ökologische Verantwortung und die digitale Innovationskraft verbindet“. Ist das nicht fantastisch: Wolf und Lamm wohnen friedlich beieinander, der Leopard beim Ziegenböckchen (Jes. 11,6-9); „neue Schnittstellen zwischen CFO, CIO und CSO“ entstehen.

Der Irokesenschnitt

Deshalb wird bloß ein „Impact-Risks-Opportunities (IRO)-Management“ gebraucht. Die „ökologische, soziale und digitale Wirkungsdimensionen“ emergieren „zu einem zukunftsorientierten Steuerungssystem“. Sapperlot! Da hätte ich doch auch draufkommen können: Es braucht bloß „eine kulturelle Offenheit, eine werteorientierte Führung“, und „im besten Fall (entsteht) so ein organisationales Lernsystem“.

Aber Moment mal: Es braucht diese Kultur, um diese Kultur zu entwickeln? Hmmm … „Neue Werte wie Transparenz, Verantwortlichkeit und Lernorientierung verankern sich dauerhaft.“ Ich bin etwas verwirrt. Was war denn nun Ursache, was ist Wirkung? Oder versuchen sich die Autorinnen gerade mit einem Perpetuum Mobile am eigenen Schopf aus dem selbstangelegten Sumpf zu ziehen?

Vielleicht sollten die Autoren noch einmal zurück auf Los gehen. Keine 4.000 Mark einziehen. Und sich noch mal grundsätzlich mit dem Thema Organisationskultur beschäftigen. Von Altmeister Peter Kruse (über Kreativität) könnten sie dann lernen, dass Kultur eine indirekte Variable ist. Von Christine Erlach und Michael Müller könnten sie lernen, wie Story-Listening geht (Am Lagerfeuer); und wie viel Mühe damit verbunden ist, das Boot richtig zu rocken.

Und der Rest ist Schweigen – um Doktor Murkes zu zitieren.

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Thomas Webers

Dipl.-Psych., Dipl.-Theol., Fachpsychologe ABO-Psychologie (DGPs/BDP), Lehrbeauftragter der Hochschule Fresenius (Köln), Business-Coach, Publizist

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