INSPIRATION: Im Rahmen einer großangelegten Studie haben zwei Autoren KI-geführte Interviews mit menschlichen Bewerbungsgesprächen verglichen. Eine spannende Frage und überraschende Ergebnisse. Sowie interessante Anknüpfungspunkte.
Die Autorin (Ist ein KI-Sprachagent empathischer als der Mensch?) kommentiert eine Studie mit mehr als 67.000 Bewerber:innen bei US-amerikanischen und europäischen Unternehmen. Die Kandidat*innen wurden zufällig drei unterschiedlichen Bedingungen zugewiesen:
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- Interview mit einem/r Recruiter:in
- Interview mit einem AI-Voice-Agent
- freie Wahlmöglichkeit zwischen beiden Varianten
„In allen drei Gruppen trafen im Anschluss menschliche Recruiter:innen die Einstellungsentscheidung auf Grundlage der Protokolle der Interviews sowie eines standardisierten Tests.“ Das sind zwei wichtige Eckpunkte. Ein Teil der Bewerber:innen sowie die 131 einbezogenen Recruiter:innen wurden zudem zu ihren Erwartungen und Erfahrungen befragt.
Die Ergebnisse
Überraschendes erstes Ergebnis: „Bewerber:innen, die von einer KI interviewt wurden, erhielten 12 Prozent mehr Stellenangebote, hatten dieselbe Jobannahmequote, der Arbeitsantritt war um 18 Prozent wahrscheinlicher und die Verbleibquote nach 30 bis 120 Tagen war durchgehend um 16 bis 18 Prozent höher.“ Sapperlot! Wer hätte das gedacht?
Zweite Erkenntnis: In der Freien-Wahl-Bedingungen entscheiden sich 78 % für das KI-Gespräch. Auch das überrascht, wird aber verständlich, wenn man sich die hauptsächlich genannte Begründung anschaut: In der KI-Variante konnte man den Interviewzeitpunkt frei wählen. Das ist für Kandidat*innen offensichtlich vorteilhaft, weil individueller zu gestalten. Die Gespräche finden – im Gegensatz zur Mensch-Bedingung – schneller statt. Und die Gesprächsprotokolle zeigen, „dass im KI-Gespräch mehr Themen abgedeckt und mehr einstellungsrelevante Informationen erhoben werden als im persönlichen Interview.“ Gleichfalls: Sapperlot!
Kein Haar in der Suppe? Wurde die Erfahrung mit dem Bot schlechter bewertet als die mit einem Menschen? Nöö, gleich gut. Weiterempfehlung des Unternehmens, Stresserleben, Wohlfühlen, Wertschätzung, Zufriedenheit mit den erhaltenen Informationen zur Zielfirma: Keine Unterschiede. Die Kandidat:innen vermuten sogar weniger Geschlechtsdiskriminierung vonseiten der KI. „Allerdings erhalten Frauen auch nach einem KI-Gespräch weniger Stellenangebote als Männer. Der Effekt verschwindet erst, wenn die standardisierten Testergebnisse zusätzlich berücksichtigt werden.“ Aha! Ein Bias der KI kann durch Multimodalität korrigiert werden.
Produktivitätsparadoxon
Jetzt denkt man in HR-Abteilungen bekanntermaßen gerne in Kostenkategorien. Welche Erkenntnisse lassen sich denn hier gewinnen? Immerhin spart der KI-Einsatz Recruiter-Kapazitäten und die Technologie ist 24/7 verfügbar. Wird der Recruiting-Prozess also billiger und schneller? Nöö, im Gegenteil. „Bei menschlichen Interviewer:innen dauert es von der Bewerbung bis zum Jobstart im Durchschnitt 23,1 Tage, beim Gespräch mit dem KI-Sprachagenten jedoch 29,2 Tage.“ Wie das?
Weil die Recruiter:innen für die Durchsicht der Gesprächsprotokolle länger brauchen, geht der zeitliche Vorsprung durch die KI wieder flöten. Und warum brauchen sie länger? Die Autorin nennt hier zwei interessante Punkte:
- Ein Widerwille der Recruiter*innen gegenüber dem KI-Einsatz. Skepsis hinsichtlich der Qualität der Ergebnisse führt dazu, dass die eingesparte Zeit für zusätzliche Tätigkeiten genutzt wird. Es werden beispielsweise mehr Charts, Visualisierungen und Nachrichten als früher angefertigt.
- Ängste der Recruiterinnen vor Entwertung des eigenen Wissens und der eigenen Erfahrungen sowie vor Arbeitsplatzverlust.
Ist das nicht interessant? Man könnte es doch auch anders bewerten, denke ich mir: Die Zeitersparnis wird dadurch kompensiert, dass die menschlichen Recruiter sich mehr Zeit für eine gewissenhafte Auswertungen nehmen und nicht – wie vermutlich bislang nicht unüblich – husch-husch über die Protokolle gehen. Ein Hawthorne-Effekt gewisssermaßen. Durch die Mehrarbeit würden Entscheidungen prinzipiell besser. Das könnte so blöd doch nicht sein.
Lösen Computer Probleme, die man ohne sie nicht hätte?
Wenn da nur nicht die Chefetage wäre, könnte man entgegnen. Die schauen natürlich auf die Uhr (Zeit ist Geld) und vielleicht weniger auf die Qualität. So erscheinen die Ängste der Recruiterinnen gar nicht abwegig. Mit der Verzögerungstaktik „fressen“ sie sich also prophylaktisch einen „Speckgürtel“ an. Doch wie lange wird man von dem zehren können?
Die Autorin hält als wichtigsten Satz der Studie fest, KI-Bots „halten sich konsequenter an die Interviewrichtlinien, decken ein einheitlicheres Themenspektrum ab und reduzieren die vom Interviewer verursachte Streuung, während sie in jedem Gespräch reaktionsschnell bleiben, was mit der Erfassung von mehr für die Einstellung relevanten Informationen […] einhergeht“. Das ist ein starkes Argument.
Bliebe nur noch der Vorbehalt gegenüber dem Bias der KI. Das wäre eine wichtige Baustelle. Ob die Aufgabe lösbar ist oder bis zu welchem Grad? Wir haben es hier doch mit einem inhärenten Merkmal der KI zu tun: Sie produziert bloß Wahrscheinlichkeit.
Und das noch
Wie könnte ich es vergessen: pick your battles! – das Wuchern der Recruiterinnen mit ihrer Fachkompetenz und Erfahrung wäre proaktiv wichtig. Wozu selbstverständlich – einen schönen Gruß in die ewigen Jagdgründe an Heinz Schuler – das Prinzip der Multimodalität gehört. Ansonsten: Wem ist mit einem Rattenrennen (Komplizierte Bewerbung) gedient?
Früher hat man dem Recruiter eine „Tafel Schokolade“ oder anderes Auffällige ins Büro geschickt, um unter hunderten von Bewerbungsmappen hervorzustechen. Ob diese analoge Idee in digitalen Zeiten vielleicht wieder erfolgversprechend sein könnte? Denn wenn das Erfolgsrezept für das Bestehen im Bewerbungsprozess (vielleicht wird ja das gemessen und gar nicht die „wirkliche Eignung“) heute lautet, als Bewerber gut mit einer KI umgehen zu können, könnte es ja zusätzlich hilfreich sein, ebenfalls gut mit den Recruiterinnen umgehen zu können. Ich meine ja nur …
