6. Oktober 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Blinde Justitia

Risikoaverse Versicherungsmentalität

INSPIRATION: Was ist bloß aus New Work geworden? Ist die Modewelle endgültig durch? Wird im Unternehmen nun wieder mit harter Hand regiert? Oder soll der neue Heilsbringer KI es richten? Woran also hakt es eigentlich? Etwa an der Bürokratie?

Es ist auf jeden Fall interessant, dass sich das aktuelle New-Work-Barometer (NWB) mit dem Thema Bürokratie beschäftigt. Man muss ja bloß einmal kurz zurückschauen, wie sich die Ergebnisse seit 2020 entwickelt haben:


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Schnell war klar, Unternehmen picken sich aus New Work bloß das raus, was ihnen in den (aktuellen) Kram passt: Arbeitsort- und Arbeitszeitautonomie (Party isch over?). Und sie erwarten zwar Selbstbestimmung von den Mitarbeitenden. Diese sollen initiativ werden und kompetent handeln. Aber bei Einfluss/Macht und bei Sinn, den anderen Empowerment-Dimensionen, ist dann schnell Hängen im Schacht angesagt (Wasch‘ mir den Pelz, aber …). Das alles ist leider sehr ernüchternd. Kann man es NWB-Erfinder Carsten Schermuly verdenken, dass er sich in der Folge mit den Themen Macht und Führungsstilen (Phantomschmerzen?) beschäftigt hat? Aus Frust sozusagen?

Buhmann: Bürokratie

Doch in diesem Jahr fokussiert die Forschungsgruppe schließlich auf „Bürokratie“ (Bürokratiespitzenreiter HR). Noch tiefer in den Schmerz reinspüren? Also ich hatte ja gleich ein mulmiges Gefühl und wollte nach der Lektüre gleich weiterblättern. Denn, Hand aufs Herz: Das Thema Bürokratie feiert gerade seinen 100sten … Was sind nun die aktuellen Erkenntnisse? Dass Bürokratie eine Erfindung aus Deutschland ist, wussten wir längst. Dass sein Erfinder, der Soziologe Max Weber, schon vor seinen Nebenwirkungen gewarnt hat, ist wohl weniger bekannt. Allgemein bekannt sein dürfte, dass offenbar die Deutschen es mit der Bürokratie oftmals übertreiben (Päpstlicher als der Papst), dass es aber schon diverse Versuche des Bürokratieabbaus gegeben hat, wie man in derselben Ausgabe (3/2023) der Organisationsentwicklung nachlesen kann.

Wie auch immer: Bürokratie ist hierzulande der große Buhmann. Obwohl sie doch einen doppelten Charakter besitzt: „Sie begrenzt Willkür, schafft aber zugleich neue Einschränkungen.“ Ich finde, man könnte diese Paradoxie psychologisch noch tiefer fassen: Hand aufhalten und von Papa fordern ohne Ende; und wenn man denkt, es sei zu wenig, dann holt man sich den, einem vermeintlich zustehenden Teil eben selbst ab (Steuerhinterziehung). Und auf der anderen Seite wehrt man sich gegen Regeln (Tempolimit) oder bricht diese aktiv nach eigenem Ermessen. – Ok, ich lass mal stecken an der Stelle und überlasse den tieferen Blick in die „deutsche Seele“ lieber den Psychoanalytikern.

Aktuelle Vorstellungen von Bürokratie

Das Forscherteam um den Berliner Wirtschaftspsychologen Schermuly präsentiert fünf zentrale Dimensionen von Bürokratie: Formalisierung, Spezialisierung, Standardisierung, Differenzierung und Dezentralisierung. Und es wollte herausfinden, welche Vorstellungen von Bürokratie aktuell vorherrschen. „Am stärksten verbinden sie Bürokratie mit Formalisierung (Mittelwert M = 5,5) und Standardisierung (M = 4,9), am wenigsten mit Spezialisierung (M = 4,0). Die Standardabweichungen sind eher hoch und zeigen, dass die Einschätzungen zwischen den Organisationen auseinandergehen.“ Und, da schau an, Führungskräfte nehmen signifikant weniger Bürokratie wahr als Mitarbeitende. Was die Forscher nicht weiter kommentieren.

Interessanter finden sie hingegen die Ausprägungen in verschiedenen Organisationsbereichen. An der Spitze rangiert HR (67,2%), gefolgt von Buchhaltung und Rechnungswesen (63,8%), Finanzen (55,6%), IT (54,8%) und Arbeitssicherheit (40,3%). „In der Personalabteilung tritt Bürokratie vor allem in der operativen Personaladministration, bei Vergütung und Benefit sowie in Rekrutierung und Personalbeschaffung zutage.“ Was wenig verwundert, sind diese doch (arbeits-)rechtlich stark reglementiert. Und die Mitarbeitenden sind oft direkt betroffen. Ihre Aufmerksamkeit – und die des Betriebsrats – ist hier besonders hoch. 70 Prozent der Teilnehmenden berichten, dass sich der Aufwand in den letzten zwei Jahren hier noch erhöht hätte.

Interne Bürokratie

Es ist erhellend, dass die Befragten nicht nur auf den Gesetzgeber (extern) zeigen, sondern auch ins eigene Unternehmen (intern). Die Begründung der Forschenden kommt hier eher beiläufig: Das organisationale Umfeld verändere sich immer schneller. Deshalb müsse immer mehr nachgesteuert werden. Und noch ein zweites Argument fällt: „Immer mehr Stellen leben von der Bürokratie.“ Diese Argumentationsfigur halte ich jedoch für eine zweischneidige. Hier wird sozusagen die Beweislast umgekehrt: Der Bote der schlechten Nachricht wird an den Pranger gestellt und es wird unterstellt, mehr interne Bürokratie verschlechtere die Produktivität.

Ich würde sehr davor warnen wollen, Wahrnehmung für Fakten zu halten. Doch die Autoren haben schon das soziologische Konzept der brauchbaren Illegalität aus dem Hut gezaubert und mit dem verwandten Konzept des „prosoziale Regelbrechens“ verheiratet. Was allerdings empirisch nur einen Schuss in den Ofen produziert: „Das prosoziale Regelbrechen ist in den untersuchten Organisationen annähernd normalverteilt (M = 3,4) – zwischen den Branchen zeigen sich keine signifikanten Unterschiede. Entgegen der Erwartung ist der Zusammenhang mit Leistung aber negativ: Je häufiger Mitarbeitende das prosoziale Regelbrechen praktizieren, desto schlechter wird die Organisationsleistung wahrgenommen (r = -.15).“

Damit sind die Forschenden am Ende mit ihrem Latein. Es folgen nur noch eher unspezifische Appelle zum Bürokratieabbau und „Angstmanagement“. Alles in allem eine recht bescheidene Ausbeute. Vielleicht kann meine Leserschaft nachvollziehen, dass ich da zunächst wenig Lust hatte, das zu resümieren. – Doch da kam mir ein weiterer Beitrag auf den Tisch, den ich zunächst auch weglegen wollte. Doch zusammen ergibt es vielleicht doch Stoff genug zum Nachdenken.

Empfehlungen für die Reorganisation unseres Staates

Andreas Voßkuhle, Professor für öffentliches Recht an der Universität Freiburg und ehemaliger Präsident des Bundesverfassungsgerichts, hat im Rahmen der Initiative für einen handlungsfähigen Staat 35 Empfehlungen für die Reorganisation unseres Staates entwickelt (Wir brauchen eine Vertrauenskultur). Er hofft insbesondere, dass sich die Vorschläge zur Stärkung von Experimentierfeldern durchsetzen werden. Es haben sich, so sein Statement, schon sehr viele Kommunen und einzelne Bezirksregierungen bereit erklärt, hier mitzuwirken. Ein weiterer wichtiger Vorschlag wäre in seinen Augen, dass man auf kommunaler Ebene für einen bestimmten Zeitraum einmal auf konkrete Vorgaben verzichten und es den Mitarbeiter:innen erlauben könne, für jedes Problem eine gute Lösung zu finden, ohne in diverse Normen schauen zu müssen, aber ohne Grundrechtsgefährdungen zu produzieren. Offenbar, so seine Beobachtung, traue sich auf Personalseite aber kaum jemand, dabei aktiv zu werden, weil da schließlich eine große Verantwortung dranhänge (Wie war das noch mal mit der Bürokratie? Gerichtsfestigkeit!).

Ein dritter Vorschlag lautet, bei der Regulierung von einer Misstrauenskultur auf eine Vertrauenskultur umzustellen. Damit ist gemeint, von der allgemeinen Dokumentations-, Aufbewahrungs- und Nachweispflicht abzurücken und stattdessen auf stichprobenartige Überprüfungen umzustellen. Dabei festgestellte Normverstöße müssten dann aber hart geahndet werden. Ein weiterer notwendiger Schritt sei die stärkere Digitalisierung der Verwaltung und die Abschaffung der Flickenteppiche zugunsten allgemeiner Lösungen. Und dann brauche es Veränderungen in der föderalen Struktur. Die Idee: Mehr Stabsorganisationen, mehr Durchlässigkeit zwischen dem öffentlichen und privaten Sektor, mehr Projektarbeit …

Widerstände

Da schau an, denke ich mir, da hat jemand aufgrund seiner Berufserfahrung tiefe Einblicke in die Problemlagen unseres Staates erhalten und liefert nun durchdachte Vorschläge. Aber er weiß auch, dass und wie man diese ausbremsen kann. Denn er kennt ja seine Pappenheimer. Und das sind die vielen kleinen und großen Häuptlinge, die ungern Federn lassen wollen, auch wenn es zulasten der Allgemeinheit gehen mag. Und die deshalb die altbekannten Spielchen spielen. Da werde auf der mittleren Ministerialebene gerne Beton angerührt, der gesprengt gehöre. Wir bräuchten nicht über 100 verschiedene Digitalstrategien, so Voßkuhle, sondern bloß eine deutschlandweite. Leider fehle bislang noch ein großes Reformnarrativ. Und das müsse definitiv von oben kommen. Dito: Führung …

Qualität des Outputs, die Durchlaufgeschwindigkeit und Effizienz der eingesetzten Ressourcen, seien gemeinsam wichtig. Derzeit sei aber die Geschwindigkeit der Engpass. „Komplexität kostet Geld und Zeit und könnte durch Vereinheitlichung deutlich verringert werden,“ mahnt Voßkuhle. Und er gibt ein Beispiel: „Es wäre sogar denkbar, alle Sozialleistungen in einem Ministerium zusammenzuführen, um dadurch die Vereinheitlichung der rechtlichen Vorgaben zu erleichtern und den Vollzug zu beschleunigen. Warum passiert das nicht?“ Seine Vision ist ein „One-Stop-Government“. Nicht die „Verträge zulasten Dritter“ der Vergangenheit: „Der Bund hat beschlossen und die Kommunen durften bezahlen, haben aber nicht das Geld dafür bekommen.“

Primat der Praxis

Aufgabe, Kompetenz und Verantwortung gehören in eine Hand – Arbeitspsychologen predigen das schon hundert Jahre lang. Und dann liest man einen Satz aus dem Munde eines ehemaligen Verfassungsgerichtspräsidenten, der nachdenklich macht: „Denn das Recht ist aus guten Gründen nicht als Selbstzweck da, sondern es soll dazu dienen, bestimmte Aufgaben effektiv und schnell zu erfüllen.“ Und er legt noch nach: „Wir haben in Deutschland eine risikoaverse Versicherungsmentalität entwickelt. Danach ist der Staat für alles, was den Bürger:innen widerfährt, mitverantwortlich.“ Starke Worte, die dann in eine klare Vision münden: „Wir brauchen eine starke Dienstleistungskultur. Der Staat ist für die Menschen da, nicht der Mensch für den Staat.“ Oder in den Worten John F. Kennedys: „Frag nicht, was das Land für dich tun kann, sondern frag, was du für dieses Land tun kannst.“

Es ist die Kultur, Dummerchen, würde ich ergänzen wollen. Warum sehen manche das erst heute? Die politische Wut, die man zurzeit in Deutschland beobachten kann, gilt sie nur der einen, der die Willkür begrenzenden Seite der Bürokratie, nicht der die Gerechtigkeit schützenden Seite? Und worauf läuft das hinaus, wenn sich die eine Seite durchsetzt? Mehr „Freiheit“ im Sinne von Anarchie, Recht des Stärkeren und Vetternwirtschaft? Geopolitische Vorbilder dafür lassen sich schon seit einiger Zeit studieren …

Jetzt frage ich mich, warum die o.g. Berliner Forschergruppe nicht ähnlich mutige und über den Tellerrand hinausblickende Perspektiven aufgezeigt hat …? Mit der Kodifizierung des Arbeitsrechts hätte man doch mal anfangen können …

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Thomas Webers

Dipl.-Psych., Dipl.-Theol., Fachpsychologe ABO-Psychologie (DGPs/BDP), Lehrbeauftragter der Hochschule Fresenius (Köln), Business-Coach, Publizist

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