11. Mai 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Warum Schenken kompliziert ist

INSPIRATION: Etwas zu bekommen, ohne dafür eine Gegenleistung erbringen zu müssen, nennt man wohl ein Geschenk. Etwas zu geben, ohne etwas dafür zu erwarten, nennt man Schenken. Gibt es das überhaupt? Wenn sich der Vorgang des Schenkens zwischen Menschen abspielt, wohl eher nicht, fürchte ich. Wir erwarten immer etwas, wenn wir schenken – und wenn es ein Lächeln, ein erstauntes Gesicht, eine dankbare Umarmung ist. Eigentlich nicht so kompliziert, oder?

Doch, es ist kompliziert. Das erfährt man spätestens, wenn ein Geburtstag ansteht oder Weihnachten sich ankündigt. Manche Menschen haben sich gegenseitig versprochen, von jeder Schenkerei Abstand zu nehmen. Macht aber auch nicht so wirklich Spaß. Obwohl es nachvollziehbar ist. Für viele von uns sind die Zeiten vorbei, in denen man etwas geschenkt bekam, das man wirklich braucht. Also so wirklich braucht. Denn das, was wir brauchen, können wir uns in der Regel selbst leisten. Und was nicht, eignet sich meist nicht als Geschenk. Weil es schlicht auch für die Schenkenden zu teuer ist.

Ratlosigkeit

Stephan Jansen hat in der Brand eins einen witzigen Beitrag über das Schenken verfasst (Auf Gegenseitigkeit) – danke für die Anregungen! Tatsächlich besitzen wir ja nicht nur Dinge, die wir brauchen, sondern auch ganz viele, die wir nicht benötigen. So wurde das Schrottwichteln erfunden. Dann kamen die Gutscheine, die so lange in der Schublade liegen, bis sie abgelaufen sind. Auch nicht ganz neu: Gemeinsame Zeit verschenken. Wenn der Beschenkte den entsprechenden Umschlag öffnet, erkennt man schnell, ob das eine gute Idee war.

Apropos Auspacken: In vielen asiatischen Kulturen ist es Usus, die Geschenke freundlich entgegenzunehmen, aber nicht in der Anwesenheit des Schenkenden zu öffnen. „Das dient der Gesichtswahrung: Auspacken und Enttäuschung liegen eng beieinander.“ Hierzulande sind wir sehr erpicht darauf zu erleben, wie der Beschenkte reagiert – aber Achtung: „die wechselseitige Beobachtung kann Beziehungen verändern.

Idee der Reziprozität

Mit Geschenken wird extrem viel Geld verdient. Der Markt für klassische private Geschenkartikel liegt weltweit bei 3,3 Milliarden Dollar. Was da so alles weitergereicht wird, kann man in Souvenirläden und auch gut in den zahllosen Shops in Flughäfen bewundern. Viel Material für das erwähnte Schrottwichteln.

Und dann gibt es das Prinzip der Reziprozität. Ich gebe etwas, ohne zu wissen, wann und von wem ich dafür eine Gegenleistung erhalte. Auch eine alte Geschichte, an der ja auch etwas dran ist. Wenn wir von MWonline regelmäßig Texte ins Netz stellen, Webtalks veranstalten und Newsletter verschicken, erhalten wir hierfür nie eine direkte Gegenleistung. Aber natürlich hoffen wir, dass der eine oder die andere ein positives Feedback gibt, wieder andere eine Fördermitgliedschaft abschließen, ein interessanter Kontakt entsteht, der unsere Tätigkeit bereichert – aber wir wissen nie, ob und wann das passiert.

Schenken als Geschäftsmodell?

Der Gedanke hat etwas Beruhigendes. Nicht sofort eine Gegenleistung zu erwarten für alles, was man gibt, sondern darauf vertrauen, das sich alles irgendwann ausgleicht, erleichtert das Leben. Im Business aber eher schwierig, auch wenn es immer wieder versucht wird.

So wie die Gründer einer App namens Giftd (Schrankleichen). Ihnen missfiel die Tatsache, dass in Deutschland jedes Jahr 230 Millionen ungetragene Kleidungsstücke auf dem Müll landen. Die ”Geschäftsidee”: Menschen, die ungetragene Sachen im Kleiderschrank haben, stellen diese in der App ein, und andere im Umkreis von 10 km können vorbeikommen und sie sich abholen.

Nett gemeint, funktionierte aber nicht. Warum sollte jemand sich die Mühe machen und die Sachen verschenken, wenn man sie auf anderen Plattformen für gebrauchte Sachen auch verkaufen kann? Vor allem aber: Wo ist die Geschäftsidee? Denn wer heute eine App erstellt, will Geld verdienen. Andere sollen Dinge verschenken, aber der Mittler zwischen Schenkendem und Beschenktem hält die Hand auf. Wie das? Wer mehr als sechs Kleidungsstücke im Monat abholte, sollte eine Monatsgebühr entrichten. Irgendwie schräg, oder?

Da bleibt nur das, was wir alle kennen: Wir bekommen Dinge geschenkt, um angelockt zu werden. Einzelne freie Texte, einfache Versionen von KI und anderer Software, begrenzten Speicherplatz – um dann zur Kasse gebeten zu werden, wenn wir mehr möchten. Legitim, hat aber unangenehme Folgen. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, vieles umsonst zu bekommen, das wir weiterziehen, ehe wir unsere Kreditkarte zücken. Diese Art der Kundengewinnung hat die Kostenlos-Mentalität geschaffen, die wir wohl kaum wieder loswerden. Auch irgendwie an der Idee des Schenkens vorbei …

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Johannes Thönneßen

Dipl. Psychologe, Autor, Moderator, Mitglied eines genossenschaftlichen Wohnprojektes. Betreibt MWonline seit 1997. Schwerpunkt-Themen: Kommunikation, Führung und Personalentwicklung.

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