PRAXIS: Hat Sie vielleicht im Augenblick ein Konflikt beim Wickel? Und falls ja: Würde Sie ihm gerne ein Schnippchen schlagen? Dann ist der folgende Beitrag möglicherweise der passende Leitfaden. Wobei genau der erste Satz schon einen Hinweis enthält – Leser des Buches von Klaus Eidenschink werden das kennen (Die Kunst des Konflikts).
Normalerweise heißt es: ”Wir haben einen Konflikt.” Oder: ”Ich habe einen Konflikt mit …”. Schaut man sich die Dynamik in Konfliktsituationen an, gewinnt man aber einen anderen Eindruck. Nämlich den, dass der Konflikt uns hat. Oder: Der Konflikt ist das ”Dazwischen, das sich verselbständigt hat und seine Sogwirkung entfaltet” („Rückfahrkarten“ im innerfamiliären Konflikt). Erster Hinweis also: Erklären Sie, wenn Sie gefragt werden, das ein Konflikt Sie (und den anderen) hat.
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Noch mal zur Erinnerung: Ein Konflikt entfaltet sich, wenn keine von beiden Parteien das Nein des anderen akzeptiert. Jemand wünscht oder fordert etwas, der andere lehnt ab, dabei bleibt es aber nicht. Eins kommt zum anderen, die Gefühle mischen sich ein, und ”das Konfliktsystem reduziert die Freiheit, auch einfach ja zu sagen.” Also kommen wir nicht mehr raus, zumindest nicht ohne Blessuren.
Rückfahrkarte bereithalten
Autor Arist von Schlippe bietet zehn ”Rückfahrkarten” an. Damit sind keine Lösungen gemeint nach dem Motto: ”Mach dies oder jenes, dann wird alles gut!”, sondern Unterbrechungen der Dynamik. Das Ziel ist nicht die Beendigung des Konflikts, ”sondern die Beendigung der Konfliktkommunikation”. Was natürlich ”ein Minimum an Distanz zu sich selbst” voraussetzt, so dass man sich noch steuern kann.
Vorschlag meinerseits: Wenn es also einen Konflikt gibt, der sie hat, schauen Sie doch einfach mal, welche der folgenden Rückfahrtickets Sie bereithalten könnten. Vielleicht ist nur ein einziger Ansatz dabei, der Sie weiterbringt, vielleicht auch mehrere. Und dann ausprobieren!
1. Ort der Veränderung
Der andere soll sich ändern? Schwierig bis unmöglich, wir können andere Menschen nicht ändern. Nur uns selbst. Also vielleicht den Gedanken mal beiseite legen und sich vor Augen halten, wo ”der eigentliche Ort der Veränderung” ist.
2. Verzögert handeln
Wenn wir dazu noch irgendwie in der Lage sind, nicht sofort reagieren. Denn dann, so viel ist sicher, fällt unsere Antwort eher härter aus. Also die berühmte Nacht, die man erst einmal verstreichen lässt. Die Chance hierzu haben wir vor allem, wenn das Nein des anderen schriftlich erfolgt und nicht im direkten Gespräch. Aber auch da ist es manchmal möglich zu sagen: ”Das muss ich erst mal verarbeiten!”
3. Selbstbeobachtung
Wenn ich merke, dass der Konflikt die Führung übernimmt, kann ich versuchen, in die Beobachterrolle zu wechseln. Was passiert hier gerade mit mir? Was genau von dem, was der andere sagt und macht, bringt mich hier zur Weißglut? Wie reagiere ich normalerweise auf so etwas und was wäre, wenn ich mal ganz anders reagiere?
4. Unvorhersehbar reagieren
Das folgt aus der Selbstbeobachtung. Wenn ich weiß, wie ich am liebsten reagieren würde, kann ich mir auch Alternativen ausdenken. Was Neues probieren. Statt mit vielen Worten zu antworten erst mal schweigen. Konstruktiv unterbrechen: Also nicht davon rauschen und die Türe schlagen, sondern sagen: ”Bevor ich jetzt Dinge sage, die ich nachher bereuen werde, ziehe ich mich erst mal zurück und melde mich später wieder.”
Oder, ganz überraschend, dem anderen mal Recht geben. Nicht vollständig natürlich, dann wäre der Konflikt vorbei. Sondern mit dem Wort ”teilweise”: ”Ich gebe dir teilweise Recht.” Oder ”An dem, was du sagst, ist was Wahres dran.” Oder ”Ich kann das teilweise nachvollziehen.“
5. Fragende Grundhaltung
Eine extrem schwere ”Rückfahrkarte”, aber vielleicht gelingt sie hin und wieder. Die Haltung: ”Nicht der andere ist der Gegner, sondern die Eskalation.” Also könnte ich überlegen, was ich tun kann, um die Eskalation zu verhindern. Hier hilft die fragende statt wertende Grundhaltung. Ich versuche zu erfassen, welche gute Absicht hinter dem Nein des anderen steckt.
6. Freundliche Gesten
Auch ganz schwierig. Ich soll auch noch freundlich sein bei dem, was der andere gerade sagt oder fordert? Dann denkt er doch, er hat gewonnen! Aber noch einmal: Es geht nicht darum, den Konflikt zu beenden, sondern die Dynamik zu unterbrechen. Eine wertschätzende Geste, eine kleine Aufmerksamkeit, die nicht an eine Bedingung geknüpft wird zum Beispiel. Keine Dankbarkeit oder ein Einlenken erwarten. Nur die Bereitschaft signalisieren, zu einer gemeinsamen Lösung zu kommen.
7. Bedauern äußern
Damit ist keine Entschuldigung gemeint. Wer um Entschuldigung bittet, der fordert ja wieder etwas vom anderen: ”Ich bitte dich, mich von der Schuld freizusprechen!” Das kann und wird im Konflikt eher abgelehnt werden.
Es geht vielmehr darum, Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen und das Bedauern hierüber auszudrücken. ”Es tut mir leid, dass ich mich so aufgeregt habe!” Selbst wenn der andere mir das nicht abnimmt – ich kann immer noch ergänzen: ”Musst du auch nicht, aber mir war es wichtig, das zu sagen!”
8. Verständnis von Gerechtigkeit
Ein Knackpunkt vieler Konflikte, die uns im Griff haben. Wir fühlen uns in unserem Gerechtigkeitsgefühl verletzt, das wiederum verursacht Empörung: ”Es ist einfach nicht fair, wenn du X bekommst und ich nur Y; … wenn du dich jetzt wieder durchsetzt; … wenn am Ende mal wieder alles meine Schuld war!“
Nur: Wessen Gerechtigkeitslogik soll denn zählen? Weiß ich, welche Eingeständnisse der andere schon vorher wem gegenüber gemacht hat? Welche Minuspunkte sie auf ihrem Gerechtigkeitskonto gesammelt hat? Ein witziger Satz: ”Gerechtigkeit gibt es nur im Plural.” Es gibt eben nicht die EINE Gerechtigkeit, so sehr wir das auch glauben wollen.
Was hilft hier? Sich in den anderen hineinzuversetzen. Im Fragemodus bleiben: ”Was genau ist daran für dich ungerecht? Was wäre für dich gerecht?”
9. Kleine Zugeständnisse
Schon klar, wir fürchten, dass der andere nicht nur den kleinen Finger, sondern die ganze Hand nimmt. Und dennoch: Wie wäre ein kleines Einlenken, ohne gleich befürchten zu müssen, die ganze Schlacht zu verlieren? Denn so viel ist auch klar: Lassen wir dem Konflikt freien Lauf und er kann schalten und walten wie er will, ist er der einzige, der gewinnt. Die Beteiligten verlieren beide – und zwar deutlich mehr, als sie bei einem kleinen Zugeständnis verlieren würden.
10. De-eskalative Sprechweise
Wir haben zum Glück die Sprache als Medium der Verständigung, aber man kann sich so oder so ausdrücken. Was wiederum die Reaktion des anderen massiv beeinflusst. Ich kann meine Sicht der Dinge als einzig richtige darstellen, als wahr, wirklich, unverrückbar. Oder aber ich kann deutlich machen, dass es meine persönliche Sicht ist, dass ich mich auch irren kann. Ich kann auch erklären, warum mir etwas wichtig ist. Also nicht darauf bestehen, dass ich Recht habe, sondern deutlich machen, warum ich gerade so hartnäckig bin.
Das waren die angekündigten zehn Rückfahrtkarten. Wenn eine dabei ist, die Sie in Ihrem aktuellen Konflikt mal einlösen möchten, probieren Sie es. Und vielleicht melden Sie uns zurück, was draus geworden
