KRITIK: Weil die Arme der Personalentwickler so kurz sind und deren Säckel so schmal ist, wird immer wieder gern informelles Lernen am Arbeitsplatz beschworen. Doch das Hype-Thema bleibt in den Gazetten oft nebulös.
Das hat Autor Julian Decius (Das Potenzial des informellen Lernens am Arbeitsplatz) gewurmt und er hat sich ein Herz gefasst, das Thema einmal grundsätzlich anzupacken. Sein Fazit: Trotz publizistischen Booms – nicht nur in der Praxis, sondern auch in der Forschung – gibt es nach all den Jahren keine klare Definition des informellen Lernens. Immerhin lässt sich aus der Fülle von Veröffentlichungen ein Neun-Punkte-Katalog destillieren, den der Autor auf folgenden Kern reduziert: „Ein intentionaler, von der lernenden Person selbst gesteuerter und auf Problemlösung ausgerichteter Prozess aus behavioralen und kognitiven Aktivitäten in arbeitsbezogenen Situationen, der weder institutionell organisiert noch pädagogisch begleitet wird.“
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Also sozusagen: Der Naturzustand, Alltag. Weil aber „weder institutionell organisiert noch pädagogisch begleitet“, findet es in der Regel in einem organisationalen Graubereich statt. Zu Deutsch: Nix genaues weiß man. Erzählt wird viel, wenn der Tag lang ist. Man könnte sich allerdings fragen, freut das die Personalentwickler oder fürchten sie sich davor, Stichwort: Kontrollverlust. Für Ersteres spricht die in der Praxis so oft kolportierte und überaus beliebte 70-20-10-Prozentregel. Doch wissenschaftlich betrachtet ist sie nichts als „empirisch nicht untermauerte Augenwischerei“. Auch keine wirklich neue Nachricht (70-20-10-Modell).
Perspektiven
Autor Decius verspricht Klärung (schließlich hat er zum Thema promoviert). Zunächst unterscheidet er drei theoretische Perspektiven auf das informelle Lernen:
- Dimensional – von anderen arbeitsbezogenen Lernformen abgrenzend. Hier geht es um das Ausleuchten der Grauzonen in der Praxis. Der Autor benennt sieben Kriterien (z.B. Ort, Zeit etc.), mit deren Hilfe man das Chaos sortieren könne, räumt aber auch ein, dass diese Lernformen „oftmals miteinander verflochten“ sind. Man kann Lernen offensichtlich nicht verhindern, kann ich mir das Lästern nicht verkneifen.
- Lernquellenbasiert – auf der Suche nach praktischen Hinweisen zur Gestaltung eines reichhaltigen Lernsettings. Selbst- oder Fremdlernen sowie durch und mit (neuen) Medien wären da hilfreiche Kategorien. Und die inzwischen wissenschaftliche Erkenntnis, „dass keine personenbezogenen Lerntypen bzw. Lernstile existieren“.
- Prozessorientiert – interessiert an der Dynamik und den Wechselwirkungen einzelner Aspekte. Und hier weiß man schon lange, dass informelles Lernen einen zirkulären Prozess (Experimentieren: Lernintention, Erfahrung/Handlung, Feedback und Reflexion) darstellt.
Diese drei Ansätze des informellen Lernens mögen ihren spezifischen Nutzen für Forschung und Praxis haben, so der Autor, allein für die empirische Forschung eignen sie sich nicht so gut. Tja …
Auf der Lauer
Wie kommt man nun ran an diesen Graubereich? Wie kann man ihn ausleuchten? Der Versuch über die dimensionale Betrachtung endet offenbar wie das Hornberger Schießen. Also nähert man sich der Operationalisierung informellen Lernens über die anderen beiden Perspektiven: „Die Mehrheit der verfügbaren Messinstrumente folgt dabei dem lernquellenbasierten oder prozessorientierten Ansatz.“
Und was der Leserschaft hier geboten wird, sind Instrumente zur Selbsteinschätzung der Lernenden. Damit lassen sich behaviorale, kognitive und affektive-motivationale Lernkomponenten unterscheiden. Der Autor verweist insbesondere auf das mit Kollegen zusammen entwickelte Oktagon-Modell und die davon abgeleitete „Kurzskala des informellen Lernens“. Doch zum Schluss muss er konstatieren: Insgesamt betrachtet lässt sich informelles Lernen nur schwierig messen … q.e.d.
