21. Juli 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Zeitlose Managementprinzipien?

KRITIK: Immer, wenn eine neue Managementmode am Horizont auftaucht, sind die Kritiker nicht fern. Die einen loben sie in den Himmel, verfassen Bücher und Fachbeiträge, zeigen an Unternehmensbeispielen, welchen Segen das neue Modell stiftet, bieten Zertifizierungen und die entsprechenden Ausbildungen an und beraten Unternehmen dabei, das neue Modell praktisch umzusetzen.

Die anderen lassen kein gutes Haar an dem neuen Hype, weisen nach, dass all das schon mal dagewesen ist, verfassen Bücher und Fachartikel und zeigen an Unternehmensbeispielen, wie die Einführung gescheitert ist. Davon lebt die Szene – es ist wie in der Modewelt: Die neuen Modelle wärmen auch nicht besser als die alten, aber sie strahlen frischen Glanz aus und verleiten zum Kauf. Selbst wenn die neuen Modelle stark an die Mode aus den 70er-Jahren erinnert. Wie langweilig wäre es, wenn alle immer die gleichen Klamotten tragen würden.


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Erlösung der ganzen Welt

Und dann gibt es da noch die Soziologen, die uns erklären, wie das mit diesen Moden funktioniert. Zuerst wird erklärt, wie dramatisch die Situation ist, dass die Welt vor dem Zusammenbruch steht. Dass neue technische Entwicklungen in nie dagewesenem Umfang die Märkte verändern werden. Nach den ”dramatisierten Gegenwartsdiagnosen” folgt das Heilsversprechen: Wer sich der neuen Welle rechtzeitig anschließt, wird überleben (Nützliche Illusionen). Alle profitieren: Das Management, das Unternehmen, die Beschäftigten, die Kunden – die neue Mode führt uns ins gelobte Land.

Das erinnert an Religion? Nicht zufällig, das Prinzip ist das Gleiche. Niemand kann mir sagen, ob das ewige Leben im Himmelreich auf mich wartet. Aber wenn ich mein Leben jetzt nicht ändere, dann wird das auf keinen Fall etwas mit dem Himmel. Und wenn es doch nicht klappt, dann habe ich mich nicht genug angestrengt.

Schuldzuweisungen vorbeugen

Und warum machen schlaue Manager den Zirkus mit? Auch wieder eine Parallele zur Modewelt: Man kann zeigen, dass man auf dem neusten Stand ist, nicht von gestern, sondern wirklich modern. Vor allem aber: Man beugt späteren Schuldzuweisungen vor. Wenn die Organisation trotz der Umsetzung der neusten Mode in Schieflage gerät, kann den Verantwortlichen niemand den Vorwurf machen, sie hätten den Zug der Zeit verpasst.

Aber nicht nur das: In jedem Unternehmen gibt es Veränderungsbedarf. Den aber offen anzusprechen ist nicht einfach, da muss man mit Widerspruch rechnen. Also kommt eine neue Mode gerade recht. Unter ihrem Deckmantel wird das endlich angegangen, was längst fällig war. Das ist nämlich ein Vorteil dieser Moden: Sie sind schön einfach, ignorieren in der Regel die Komplexität von Organisationen. Und gleichzeitig sind sie mehrdeutig. Soll heißen: Unter einem beliebigen Deckmantel kann man jede Art von Veränderungsprojekt anstoßen. Keine wirklich neue Erkenntnis – haben wir vor vier Jahre in der gleichen Zeitschrift schon mal gelesen (Ans Licht bringen).

Auf informierte Weise nutzen

Was machen wir nun mit diesem Wissen um die Funktion der Managementmoden? Auch darauf hat der Soziologe eine Antwort. Sie lautet: Nutze die Managementmoden nicht blind, sondern auf ”informierte Weise”. Sei dir der Wirkungen und Nebenwirkungen bewusst. Überlege dir außerdem, bei welchen Mitarbeitendengruppen die Mode Begeisterung auslösen könnte und welche sie eher kritisch sehe. Und kommuniziere entsprechend. Und schließlich: Spring nicht zu früh auf einen Zug auf (könnte ja sein, dass er schon nach kurzer Zeit stehenbleibt), aber warte auch nicht, bis die Mode schon wieder im Abklingen ist.

Hilft das weiter? Oder werden auf diese Weise die Betroffenen nicht schlichtweg eingeseift? In einem anderen Zusammenhang ist mir diese Art Empfehlung schon mal übel aufgestoßen (Nützliche Heuchelei). Damals ging es um Bullshit-Sprache – im Grunde das gleiche Genre. Auch hier meinte Stefan Kühl, man solle sie mit Bedacht einsetzen. Seltsames Menschenbild: Die Mitarbeitenden werden schon nicht merken, dass wir gerade mal wieder Spielchen spielen. Oder eine seltsame Hoffnung: Die Mitarbeitenden werden die Sache hoffentlich mit Humor nehmen, sich heimlich scheckig lachen und das alberne Spiel mitspielen.

Mit offenen Karten spielen

Die Alternative? Naja, auch hier mit offenen Karten spielen: ”Leute, da kommt wieder was Neues um die Ecke. Wir sehen so einigen Veränderungsbedarf in unserer Organisation und schauen uns mal an, was dran ist an dem, was uns angeblich vor dem Untergang rettet. Letztlich aber werden wir uns keinen Sand in die Augen streuen lassen, sondern tun, was uns nötig erscheint. Und dazu stehen wir dann später auch, ganz gleich, wie es ausgeht.” Dazu braucht es selbstbewusste Manager?

Ach was …

Können Sie die Kritik nachvollziehen?
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Johannes Thönneßen

Dipl. Psychologe, Autor, Moderator, Mitglied eines genossenschaftlichen Wohnprojektes. Betreibt MWonline seit 1997. Schwerpunkt-Themen: Kommunikation, Führung und Personalentwicklung.

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