19. April 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Coaching-Evaluation

REZENSION: Marianne Berger / Hanna Hardeland – Coaching und Beratung evaluieren. 36 Impulskarten mit Workbook für die eigene Professionalisierung. Beltz 2017.

Ist das nicht eher unangenehm? Da arbeitet man als Coach mit einem Klienten intensiv – und dann soll man das auch noch auf Wirksamkeit überprüfen, sich gar rechtfertigen, eventuell sogar Fehler einräumen? Vielleicht sogar öffentlich? Die Häme aus der Szene wäre einem da doch gleich gewiss, dafür gibt es Beispiele (Webers, 2009). Muss man sich das antun?


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Muss man nicht! Die Mehrheit der Coaches meidet das Thema schlicht und schmerzfrei. Ambitionierte Evaluationsplattformen wie die von André Bischof (Bischof, 2011; 2012), gewinnen zwar Preise, aber keine Kunden. Lieber wird behauptet, dass man (oder frau) einfach unbeschreiblich gut sei, die Nachfrage überwältigend und die Klienten entzückt seien. Was natürlich ziemlich dreist und mit wissenschaftlichen Erkenntnissen überhaupt nicht vereinbar ist (Webers, 2013; Schermuly, 2016).

Nun könnte man das unangenehme Thema – „Lebenslüge“ (Kühl, 2008) – auch positiv angehen. Statt als Rechtfertigung nach außen würde man das Kunden-Feedback intern zum Lernen nutzen. Bravo! Respekt! Mit diesem Anspruch erscheinen gerade „36 Impulskarten mit Workbook für die eigene Professionalisierung“ von Marianne Berger und Hanna Hardeland unter dem Titel „Coaching und Beratung evaluieren“.

Statt als Rechtfertigung

Nun klingt uns aber das Diktum von Stefan Kühl (2008) noch im Ohr: „Je weniger wir tatsächlich Evaluationen durchführen, je schwieriger sie sich gestalten, desto mehr werden wir sie beschwören und desto härtere Anforderungen werden wir – verbal – an sie stellen. Und umgekehrt.“ (Kühl 2008, S. 36). Wie wollen die beiden Autorinnen dieses Dilemma, den Zielkonflikt zwischen Verbesserungsfunktion (Wir wollen lernen) und Legitimationsfunktion (Wir müssen uns rechtfertigen), umschiffen? Denn beide Funktionen lassen sich nicht gleichzeitig erfüllen.

Tja, leider klappt das mit dem Umschiffen nicht … Dabei ist der Impuls, Evaluation nicht nur als Strafgericht, sondern auch als Entwicklungschance zu begreifen, durchaus positiv zu bewerten. Doch der Blick auf den Coach allein ist viel zu eng und geht an der Sache vorbei. Denn Coaching ist als Dienstleistung eine Koproduktion, was die Autorinnen überhaupt nicht betrachten. Auch wenn man sich auf die verengte Perspektive der Autorinnen einlässt, wundert man sich: Warum die Ablehnung von etablierten Fragebogen (Bachmann et al., 2004; Middendorf, 2011; Runde, 2003)? Warum wird ein Ressentiment gegen teilnehmende Beobachtung oder Supervision geschürt? Da gäbe es auch gewichtige gegensätzliche Meinungen (König, 2009; Kauffeld & Montasem, 2009).

Der Kommunikationsbegriff der Autorinnen ist leider recht einseitig und naiv. Die Grundstruktur von sechs Beurteilungsdimensionen (Empathie, Akzeptanz, Aufmerksamkeit und Geduld, Prozessgestaltung und Lösungsorientierung, Ressourcenorientierung, Gesamteinschätzung) leider weder theoriegestützt noch widerspruchsfrei. Doch mit einer Unbeschwertheit und mit Nachdruck präsentiert, mag sich da gar mancher überzeugen lassen – und zugreifen. Die Autorinnen legen ihren Klienten ein Kartendeck mit bewertenden Aussagen zur Auswahl vor. Sie nennen diese Items, was sicher dazu beitragen dürfte, beim eher unbedarften Publikum Eindruck zu generieren und kritische Stimmen zum Verstummen zu bringen. Und mit Sicherheit fungiert die rückseitige Farbkodierung der Karten nicht als Priming der Dimensionen – warum auch? „Bitten Sie Ihren Klienten darum, die Farben zu ignorieren“ (S. 18).

Leider fehlt die Theorie

Das Thema Evaluation im Coaching ist viel zu wichtig, um es dilettantisch zu bearbeiten. Die Ausführungen zu „Reflexions- und Entwicklungsaufträge“, die die Autorinnen an ihr Schema anfügen, sind eher platt und simpel sowie fragwürdig. Man wundert sich auch, warum man nach der Evaluation noch mal theoretisch nachladen soll? Garbage in, garbage out, heißt es doch so schön – die Theorie sollte am Anfang stehen. Und evaluieren kann man immer nur ein Ist in Bezug auf ein Soll.

Leider fehlt die Theorie zum Thema Evaluation weitgehend. Es wird weder Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität unterschieden, noch formative und summative Evaluation. Der Stand der Forschung (Möller & Kotte, 2011; Webers, 2015; Kotte & Möller, 2016) fehlt komplett.

Nicht nur, dass es potenziell schmerzhaft sein kann, es verlangt auch einen gewissen theoretischen Anspruch – also lassen wir es lieber. Statt dessen machen wir „das mit den bunten Fähnchen“, wie es vor Jahren in diesem Sparkassen-Werbevideo hieß.

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Thomas Webers

Dipl.-Psych., Dipl.-Theol., Fachpsychologe ABO-Psychologie (DGPs/BDP), Lehrbeauftragter der Hochschule Fresenius (Köln), Business-Coach, Publizist

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