11. August 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Charisma diagnostizieren und trainieren?

KRITIK: Kennen Sie charismatische Menschen? Sicher, da werden Ihnen Namen einfallen. Könnten Sie den Begriff Charisma definieren? Irgendwas mit besonderer Ausstrahlung, oder? Und vermutlich denken Sie auch, dass es mit einem besonderen Talent zu tun hat. Man hat Charisma oder man hat keins.

Die Autoren im Personalmagazin (Mehr Charisma wagen) klären auf. Und schon bei der Definition stolpere ich. Denn diese lautet: „Wertebasiertes, symbolisches und emotional aufgeladenes Signalisieren.” Es ist also eine Tätigkeit. Man hat es nicht, man tut es. Gemeint ist wohl eher, dass jemand besonders gut darin ist, so zu kommunizieren. So wie man sagt: Jemand hat Humor und damit meint, das diejenige besonders gut darin ist, andere zum Lachen zu bringen.


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Wenn man jemandem Humor zuspricht, dann dürfte das kaum Unbehagen auslösen. Wenn jemand ein besonderes musikalisches Talent hat, ebenso wenig. Er wird höchstens bewundert. Sagt man aber, jemand habe Charisma, dann weckt das Skepsis. Es ist uns irgendwie suspekt. Damit wird offenbar die Fähigkeit verbunden, andere nicht nur mitzureißen, sondern auch zu beeinflussen, gar zu manipulieren.

Eine helle und eine dunkle Seite

Was ja auch stimmt. Charisma, so die Autoren, hat eine helle und eine dunkle Seite. Ich kann andere für etwas begeistern, aber auf dieses ”etwas” kommt es an. Ich kann sie dazu bewegen, unethische Dinge zu tun. Um einen Vergleich mit einen anderen Begriff zu bemühen, der noch abstrakter ist: Jemand ist ein großartiger Führer, weil die Menschen ihm folgen. Aber wohin?

Unterscheiden wir also drei Fälle: Jemand kann hervorragend symbolisch und emotional Werte vermitteln und andere damit bewegen. Im ersten Fall vermittelt er Werte, die zerstörerisch, gefährlich und moralisch verwerflich sind. Dann missbraucht er seine Fähigkeit.

Im zweiten Fall hat er diese Fähigkeit, aber vermittelt Werte, die nicht anschlussfähig sind. Dann läuft sein Charisma ins Leere. Es zeigt keine Wirkung. Nur im dritten Fall erzielt es den Effekt, den wir uns wünschen. Charisma so verstanden ist nämlich in der Lage, Leistungsergebnisse zu verbessern, sogar ganze Organisationen zu optimieren. Haben Studien ergeben. Na klar: Wer andere für etwas begeistert und sie mitreißt, der kann etwas bewirken.

Nur mit der richtigen Persönlichkeit?

Also, so die zentrale Botschaft, sollte man bei Kandidaten für wichtige Positionen Charisma diagnostizieren, und das sei heute schon automatisiert mittels KI möglich. Da würde ich gerne mehr erfahren. Aber man sollte gleichzeitig auf bestimmte Werte achten, vor allem auf die Dimension Ehrlichkeit/Bescheidenheit (im Hexacon-Persönlichkeitsmodell). Auch dafür gibt es Tests. Wer hier niedrige Werte hat, kann noch so charismatisch sein, da sollte man lieber Abstand nehmen.

Wenn aber jemand nicht sonderlich charismatisch ist – und hier kommt die gute Nachricht – lässt sich Charisma trainieren, weil es ”ein erlernbares Verhaltensrepertoire” darstellt. Ein einziges strukturiertes Training zeigt bereits signifikante Effekte. Solche Trainings tauchen aber in den Weiterbildungscurricula der Unternehmen nicht auf. Was an dem schlechten Image von Charisma liegt.

Zusammengefasst: Wer über die ”richtigen” Werte verfügt, diese aber nicht glaubwürdig und mitreißend kommunizieren kann (sprich: über kein Charisma verfügt), erzielt keine Wirkung. Die Logik wäre doch dann diese: Erst und vor allem bei der Auswahl von Führungskräften (oder Beschäftigten allgemein) die Werte in den Blick nehmen. Wenn diese stimmen, dann schauen, wie es um sein Charisma bestellt ist. Bei Bedarf mit entsprechenden Trainings nachhelfen.

Überflüssiger Begriff

Mir stellt sich eine andere Frage: Wozu brauchen wir den Begriff ”Charisma” überhaupt? Um es an einem Beispiel deutlich zu machen: In dem Beitrag wird festgestellt, dass Barack Obama in Deutschland charismatisch wirkt. Donald Trump hingegen nicht – weil seine Werte ”für die meisten Deutschen” eben nicht anschlussfähig sind. Das bedeutet doch wohl: Ob jemand als Charismatiker bezeichnet werden darf, hängt davon ab, ob andere seine Werte teilen oder nicht. Vielleicht auch ein wenig so wie bei Humor: Was der eine lustig findet, darüber kann der andere gar nicht lachen.

Genügt es dann nicht, von der Fähigkeit, mitreißend zu kommunizieren zu sprechen? Weil doch ohnehin jede Kommunikation wertebasiert ist, kann dieser Teil der Definition getrost entfallen. Und damit der Begriff als Ganzer.

Können Sie die Kritik nachvollziehen?
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Johannes Thönneßen

Dipl. Psychologe, Autor, Moderator, Mitglied eines genossenschaftlichen Wohnprojektes. Betreibt MWonline seit 1997. Schwerpunkt-Themen: Kommunikation, Führung und Personalentwicklung.

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